
4 Uhr aufstehen – das ist hart. Immerhin organisiere ich mir einen Kaffee, um zumindest etwas wach zu werden. Mein Plan, am Bahnhof gleich Frühstück und Lunch zu organisieren, geht gründlich schief. 4.45 Uhr – die ersten Züge fahren schon, aber alle Läden und Bäckereien im an sich grossen Bahnhof (hier verkehrt auch die SBB) sind hermetisch verschlossen!
Also ohne Frühstück mit dem Zug Richtung Bernina. Unterwegs steigt mein heutiger Chef zu. Hans-Peter ist ein echtes RhB-(Rhätische Bahn) Urgestein. Jahrzehnte ist er im Dienst als Streckenläufer.
Im Preda auf 1788 m NN geht mein heutiger Job als Streckenläufer los, ausgestattet mit Warnweste und Taschenlampe. Es ist kalt, ich habe Hunger und Hans-Peter Mitleid mit mir.

Unser Weg führt zwölf Kilometer abwärts, entlang einer der eindrucksvollsten Streckenführungen der RhB. Mehrfach unterquert sich der Schienenstrang selbst, liegt in mehreren Etagen untereinander am Berghang und gegenüber, verbunden durch imposante Viadukte und (Kehr-)Tunnel. Das alles begehen wir heute bei nicht geringem Schienenverkehr – ja, auch die bis zu 700 m langen Tunnel!

Mich überkommt ein mulmiges Gefühl, auf den Gleisen zu laufen und dabei zu wissen, dass der nächste Zug naht. Aber Hans-Peter hat alles perfekt im Griff. Er kennt jeden Zug auswendig und fordert frühzeitig zum Verlassen des Gleises auf. Vor jedem Tunnel meldet er sich per Funk bei der Leitzentrale und lässt die Strecke sperren. Damit ist ein gefahrloses Passieren möglich.
Und zum Glück kennt er (fast) jeden. Unterwegs trifft er einen Freund an dessen Ferienhaus, der uns spontan zum Kaffee einlädt. Ich habe das Glück des Tages und anschliessend ein Lunchpaket – geschenkt bekommen von Emil, dem netten Ferienhausbesitzer! Danke!
Unterwegs wird mir der Sinn des Streckenläufers eindrucksvoll klar. 2 Felsbrocken, jeder sicher zwei Tonnen schwer, sind offensichtlich kurz zuvor aus einer Feldwand oberhalb gebrochen, haben einen Wald durchschlagen und sind unmittelbar neben der Strecke gelandet.

Einer liegt direkt an einer elektrischen Schaltstation. Passiert ist nichts, und Hans-Peter meldet den Vorfall bei der Leitzentrale.
Der Rest ist Formsache. Nach zwölf Kilometern erreichen wir – nicht hungrig, aber dafür ziemlich erschöpft und mit vielen Eindrücken – den Bahnhof Bergün auf 1.372 Meter NN, von wo es zurück nach Chur geht.
Euer Wolfgang