Graubünden Blog

Archiv von Juli, 2011

Rangerin Charis: Der letzte Tag – Zum Abschied Pizokel

Graubünden, Sonntag, 25.07.2011

Der letzte volle Tag in den Bergen steht komplett zur meiner Verfügung. Ich habe mich für einen Abstecher zum Schloss Tarasp entschieden, aber komme ungünstig an. Es ist mehrere Stunden über mittag keine Besichtigung möglich. So geniesse ich das frische Wasser aus dem Dorfbrunnen – übrigens eine wirklich angenehme Besonderheit dieser Gegend (s. Foto oben). Viele Brunnen haben zwei Hähne. Aus dem einen sprudelt normales Brunnenwasser und aus dem anderen Mineralwasser. Oft probiere ich beide und schmecke den Unterschied. Eine Brunnenexkursion könnte man also auch noch machen :)

Fahrt nach S-charl
Ich bummel durch den Tag und fahre hoch bis nach S-charl, wo ich mir ein Zimmer für die Nacht gemietet habe. Hier ist es richtig einsam! Das Auto bleibt vor der winzigen Ansammlung von Häusern stehen und man geht die letzten Schritte zu Fuss. Nur der Postbus und die Anwohner haben Sondergenehmigungen. Das ist mal herrlich.

Im nahegelegenen Museum Schmelzra erfahre ich viel über den Bergbau in dieser Gegend, über die Wohn- und Lebensverhältnisse der früheren Anwohner und über den letzten Bären, der 1904 hier geschossen wurde. Gerade die Informationen über das Leben der Bären, die hier nun wieder eine Rolle spielen, fesseln ganz besonders.

Kalt ist es hier oben. Man sieht, dass der Schnee heute relativ weit runter gefallen ist. Mit der richtigen Kleidung schmeckt ein Picknick auf der Wiese trotzdem und gegen kalte Füsse gibt es dicke Socken. Heute lass ich es mir noch einmal richtig gut gehen und geniesse es, einfach nur zu schauen.

Der Schornstein des Gasthofes beginnt ordentlich zu rauchen. Weil der Wind ungünstig steht, ist der komplette Dorfplatz eingeräuchert. Zeit für’s Abendessen. Endlich komme ich nun noch in den Genuss der Pizokel, die ich gern einmal probieren wollte. Mächtig kommt es daher und ich stelle fest, dass mein Magen nicht das Fassungsvermögen eines Holzfällers hat. Trotzdem muss ich sagen: schmeckt fabelhaft und ist dem Koch wirklich wohlgeraten!

Sehr wehmütig nehme ich Abschied von den Bergen. Montag geht es über den Albulapass, Chur und Zürich wieder zurück nach Hamburg. Was für eine schöne Zeit ich hier hatte.

Danke Graubünden!

Auch wir möchten uns ganz herzliche bei Charis bedanken, Ihre Einträge waren super, ebenso die Fotos – fast als wäre man dabei gewesen. Alle Gute und hoffentlich bis bald! (uwe)

Rangerin Charis: Der sechste Tag – Abschied von den Park-Rangern

Graubünden, Samstag, 24.07.2011

Alle guten Dinge sind drei und so treffe ich mich heute, zum dritten und letzten Mal mit einem Nationalparkranger für einen Rundgang. Fadri, ein langjähriger aber noch junger Ranger aus dem Münstertal erwartet mich auf Parkplatz 5 im Nationalpark. Wir lassen ein Auto unten stehen, um eine Rundwanderung zu machen und fahren an einen höher gelegenen Punkt. Unterwegs halten wir und mitten im Gehölz am Flussbett erfahre ich einiges zur Historie dieser Gegend und das frühere Leben und Arbeiten im Münstertal. Erze wurden hier abgebaut und verhüttet und Holz aus dieser Region, der verwalterischen Zugehörigkeit wegen, bis nach Hall in Tirol verbracht.

Beim Parken entdeckt Fadri oben am Grat einen Steinbock (s. Foto oben). Durch das Fernglas kann ich das säugende Geißlein beobachten. Süß!

Bergauf über die Almen
Außerhalb des Parks laufen wir von Buffalora aus über die Almen eines Bergbauern. Auch heute geht es gut bergauf. Weil es nicht regnet, bin ich zufrieden und versuche Tempo zu halten. Möglich ist das ohne Rücksicht auf mich kaum. Die Ranger sind topfit!

Außer Kühen gibt es kaum große Tiere zu sehen. Nach Überschreiten der Nationalparkgrenze begrüßen uns die ersten Murmeltiere. Mit denen ist es nie langweilig. Sie stehen auf einem Stein und pfeifen zwecks gegenseitiger Verständigung. Ein einziger schriller Pfiff bedeutet in der Regel Luftalarm.
Fadri hält immer wieder Ausschau und entdeckt wenig Wild, in erster Linie Gemsen. Ich habe heute Mühe und sehe trotz Sonnenschein kaum etwas mit bloßem Auge.

Dafür schmeckt das Frühstück bei herrlicher Aussicht umso besser! Ich habe Original Graubündener Joghurt besorgt. Schmeckt prima!

Wir wandern bis weit nach oben auf den Gipfel Munt la chera mit fantastischem Rundblick. Den Stausee Richtung Livigno, die Ortlergruppe und die umliegenden Täler kann man toll sehen. Die Sonne strahlt und gleichzeitig bläst ein heftiger Wind. Wir rasten kurz am verwitterten und mit Steinen aufgeschichteten Gipfelkreuz.

Auf dem Weg nach unten erklärt Fadri unermüdlich die Gegend und enthüllt Informatives zu Region und Park. Plötzlich flattern unweit von uns seltene Schneehühner auf. Wir können sie eine gute Weile beobachten, aber in Kameranähe wagen sie sich nicht. Eine Mutter flattert mit einem Jungvogel hinterher. Offenbar hat sie den nachgeholt. Man sieht sehr gut das im Sommer oberhalb bräunliche Gefieder. Die unteren Federn sind weiß und so müssen nicht alle Federn für den Winter erneuert werden. Da die Schneehühner Temperaturen unter 16°C brauchen, um sich wohl zu fühlen, ziehen sie sich schnell wieder unter die Felsen zurück und bevorzugen einsame Höhenlagen.

Wir erreichen bald die Alp la Chera. Hier gibt es ein kleines Holzhaus, welches den Nationalpark-Rangern als Schutzhütte dient. Ich freue mich, einen Blick hinweinwerfen zu können und wir nutzen die Möglichkeit, einen Kaffee kochen zu können. Herrlich. Der schmeckt hier draußen 10 x besser als zuhaus! :)

Zurück geht es durch verwilderte Wälder und schnell erreichen wir den Parkplatz. Bevor ich mich endgültig verabschieden muss, fahren wir zurück nach Buffalora und trinken bei dem dortigen Bauern eine leckere frische Milch. Ich freue mich über den fröhlichen Wandertag mit Fadri.

Nach einem kurzen Abstecher ins dahinterliegende Münstertal geht es schnell zurück nach Scuol. Für den Abend habe ich noch etwas tolles vor: die Benutzung des römisch-irischen Bades. 2,5 Stunden Sauna inklusive kleiner Massage sind perfekt nach vier aufeinanderfolgenden Wandertagen. Ich geniesse die warme Luft und das Faulenzen und habe überhaupt keine Lust schon zurück zu fahren. Das wunderbare Engadin Bad Scuol könnte ich locker noch ein paar Mal besuchen.

Rangerin Charis: Der fünfte Tag – Steinwüsten und Schneehasen

Graubünden, Freitag – 22.07.2011

Ein allradgetriebener Nationalparkjeep wartet um 7 Uhr morgens vor dem Hotel.

Für eine Wildzählung ist das Wetter zu unbeständig, und so hat Domenic, mein heutiger Ranger, einen Beobachtungsrundgang geplant. Das ist eine Grundvoraussetzung für diesen Job: flexibel sein. Hier geben Natur, Wild und der eindringende Mensch vor, wie der Tag sich entwickelt. Bei Schlechtwetter funktioniert keine Zählung, weil das Wild sich ins Unterholz zurückzieht.

Wird beispielsweise ein selten anzutreffendes Tier gesichtet, richtet sich das Augenmerk darauf. Täglich kann sich der Plan ändern und nicht zuletzt können Personen, die und sei es nur durch ungünstige Zufälle nicht an einen vereinbarten Ort zurückkehren, großangelegte Suchaktionen im Park auslösen. Und wer kann dabei besser helfen, als die Ranger mit Ihren Ortskenntnissen.

Ein unglaublich schöner, weil interessanter und abwechslungsreicher Job, und dabei jedoch hoch anspruchsvoll und manchmal durchaus gefährlich.

Neue Richtung, holprige Anfahrt
Wir starten mit unserem Jeep in das Hinterland von Scuol. Das heißt für mich: wieder eine neue Richtung aus der ich mich dem Park nähere. Auf der Fahrt bergauf wird klar, dass man bei diesen holprigen Anfahrtswegen ohne 4×4 aufgeschmissen wär.

Wir halten an einer Alm, komplett ab vom Alltag, aber noch außerhalb des Nationalparks. Glücklich grunzende Schweine umschnüffeln die Brotzeit in meinem Rucksack, als ich aussteige. Hier oben scheint die Welt gesund und ich bewundere die fleißigen Menschen, die sich diesem harten Tagewerk der Bergbauern bzw, Hirten stellen.

Es geht bergauf. Über einen Pfad gelangen wir an den Grat und übertreten bei einem Viehzaun die Grenze zum Nationalpark. Von hier aus belohnt bereits die Sicht auf die andere Talseite und wir können uns einen ersten Überblick verschaffen. Niemand sonst hat die Erlaubnis sich hier aufzuhalten. Ich geniesse dieses ganz außergewöhnliche Privileg!

Domenic steigt behende und rücksichtsvoll und ich schnaufe untrainiert, aber tapfer hinterher. Überall interessante winzige Pflanzen und Blumen von einer Farbintensität, wie man sie im Tal nicht wahrnimmt. Im Grunde könnte man sich auf Knien fortbewegen, um besser schauen zu können. Domenic erklärt und benennt und ich gewinne den Eindruck, dass er von den ca. 3.000 vorkommenden Arten mindesten 2.998 kennt. Toll! Am einprägsamsten erscheint mir heute die Alpenweide, die hier mit wenigen Zentimeter langen Wurzeln oberhalb der Baumgrenze auf dem Boden wächst. Es ist die niedrigste Baumart Europas.

Unter einem Felsvorsprung entdecken wir den seltenen Alpenmohn. Gelb leuchtet er gegen den schönen grauen Fels.

Am liebsten würde ich sitzenbleiben und einfach nur schauen, aber die ersten Wildbestände tauchen auf. Durch das Fernglas sieht man sie sehr schön und Tier für Tier wird notiert, um einen Überblick über die Größe der derzeitigen Bestände zu bekommen. Das Znüni (schweizerisch: Frühstückspause) schmeckt beim Zuschauen und über mangelnden Appetit kann ich nicht klagen. :)

Wir steigen über Gestein noch höher und Domenic hält nach Schneehühnern Ausschau, die hier oben vorkommen. Bestimmte Pflanzen, die als Nahrung dienen, können als Hinweis für ein mögliches Vorkommen gewertet werden. Federn, die die Ranger finden, nehmen sie mit und die Forschungsabteilung des Nationalparks kann über die DNA-Bestimmung des Federkiels wertvolle Hinweise sammeln.

Wir suchen uns einen letzten, jetzt etwa 2.600 Meter hohen Beobachtungspunkt. Das ist schon Hochgebirge. Neue Tiere sind zu beobachten und werden protokolliert. Das Wetter hat gehalten und so genieße ich nochmals den Ausblick auf die wunderschöne Bergwelt. Im Grunde trennt uns nur noch eine graue zerklüftete Felswand vom Gipfel. Diesen mit fachkundiger Anleitung zu erklimmen, wäre schon ein lohnendes Erlebnis.

Dann geht’s über die Steinwüste bergab und ich sehe einen (im Sommer braunen) Schneehasen wegspringen. Was für ein glücklicher Zufall! Es ist praktisch unmöglich ihn zu verfolgen, aber durch Domenics geübten Blick sehen wir ihn ein weiteres Mal. Ich bin begeistert!

Querfeldein laufen wir über die hochgelegenen Almwiesen steile Hänge hinunter. Ich muss schmunzeln, fühle mich selbst wie ein Hanghuhn und weise Domenic drauf hin, dass er es mit einer Gams locker aufnehmen könnte. Selten habe ich jemanden so behende und geschickt am Berg beobachtet. Die Zeit vergeht wie im Flug, denn wir haben viel Spaß am Erzählen und an der Bergalm das Glück, auf einen Kaffee in die Hütte eingeladen zu werden.

Kaffee und Kuhmilch
Das ist in dieser abgelegenen Gegend für einen Fremden eine echte Ehre. Bei Kaffee und frischer Kuhmilch lausche ich dem Gespräch der Einheimischen. Viel spannender und näher am schweizerischen Leben geht für einen Gast kaum. Nachdem ich noch einen kleinen Blick in die, mit – wegen der Mäuse – hochgehängten Regalen ausgestattete Speisekammer werfen darf, geht es bergab zurück in die Zivilisation. Die Eindrücke sind so vielseitig und schön, dass ich noch lange davon zehren werde.

Den Abend habe ich wieder zu meiner freien Verfügung und so fahre ich ein wenig umher und schlafe danach tief und fest.

Rangerin Charis: Der vierte Tag – Junge Adler im Doppelpack

Graubünden, Donnerstag – 21.07.2011

Sonne, Bergpanoramen und fast eine Stunde Fahrzeit mit der Rhätischen Bahn. So beginnt mein heutiger Tag.

Nach S-chanf geht die Fahrt, wo mich Exkursionsleiter Martin Schmutz vom Bahnhof abholt. Er ist kein Ranger, aber für den Nationalpark seit längerem tätig. Zu seinen Aufgaben gehören geführte Wanderungen, die der Nationalpark anbietet. Heute geht es ins Val Trupchun, dem man eine besonders hohe Wilddichte nachsagt. Eine große Gruppe von 25 Personen inklusive einigen Kindern hat sich angemeldet. Und da soll man Tiere sehen können? Na, ich bin gespannt…

Wir starten gegen 9 Uhr. Der Trupp setzt sich in bequemem Tempo bergauf in Bewegung. Martin Schmutz erläutert zunächst Allgemeines zum Park und verweist auf die ein oder andere Besonderheit am Wegesrand. Blumen werden benannt und Baumflechten erklärt. Ich lausche konzentriert. Aufgrund der Zusammensetzung der Gruppe hat man sich sprachlich auf Schweizerdeutsch geeinigt. Ich lasse mich auf Anfrage gern darauf ein und bin gespannt, wieviel ich verstehen werde. Gleichzeitig ist es eine schöne Möglichkeit, den Umgang der Schweizer miteinander zu beobachten. Ich verstehe bis auf wenige Ausnahmen alles.

Ein von Martin mitgeführtes Fernrohr mit Stativ wird immer wieder aufgestellt und wir können gleich zu Beginn der Wanderung zwei Jungadler in der Nähe des Adlerhorstes beobachten. Dies stellt eine absolute Besonderheit dar, denn Adler ziehen in der Regel nur einen Nachkömmling groß. Die Natur hat vorgesehen, dass der Stärkste sich durchsetzt. Bei diesem Pärchen geht die Regel nicht auf. Natur ist eben nicht immer berechenbar!

Fluglärm stört heute leider immer wieder die Stille: das Schweizer Militär übt am Rande des Nationalparks. Ich frage nach und höre, dass es sich um immer wieder stattfindende Übungsflüge handelt. Die Tiere scheint es aber nicht zu beeindrucken.

Trotz der großen Gruppe sehen wir reichlich Wild. Ein Gamsbock ist nah über uns am Hang. Murmeli erfreuen immer wieder auf den Wiesen, die wir queren. Weit oben am Berg sieht man Hirsche und viele Gämsen. Mit dem Fernglas kann ich sie prima verfolgen.

Mittagsrast machen wir am Ende des Tales auf einer großen Wiese. Martin Schmutz erläutert und zeigt anhand von Trophäen aus dem Nationalparkfundus die Unterschiede zwischen Hirschgeweihen und Steinbockhörnern. Auch dieser Mann ist ganz offensichtlich Spezialist auf seinem Gebiet und mit Leib und Seele bei der Sache. Unermüdlich blickt er mit dem Feldstecher umher, um immer wieder auf Tiere und Vögel hinzuweisen oder uns auf interessante Randerscheinungen aufmerksam zu machen.

Dann entdeckt einer der Mitwanderer einen Bartgeier am Himmel. Wiederum wird das Fernrohr positioniert und wir können ihn fantastisch beobachten. Ein für Jung und Alt besonderes Schauspiel. Viele Kinder sind in der Gruppe, die sich interessiert und diszipliniert zeigen. Es macht Spaß, sie zu beobachten und ich gehe mit einem kleinen Mädchen ein längeres Stück zusammen. Ich freue mich, wieviel sie aufnimmt und zu berichten weiß.

Dunkle Wolken und ein Regenschauer beschließen die inhaltsreiche und mehrstündige Wanderung. Wir kehren noch in eine winzige Hütte am Rande (außerhalb) des Nationalparks ein und die landestypische Ovomaltine schmeckt doppelt gut nach so viel frischer Luft.

Martin bringt mich freundlicherweise zurück zum Bahnhof und ich geniesse die Rückfahrt mit der Bahn.

Im Hotel erwartet mich ein mehrgängiges Bündener Menü und ich bin gespannt, was mir der morgige Tag mit Nationalparkwächter Domenic für Eindrücke bescheren wird.

Rangerin Charis: Der dritte Tag – Geheimnisse des Waldes

Dritter Tag – Mittwoch 20. Juli 2011

Mit “Allegra!” werde ich am Bahnhof von Ardez herzlich von Reto, (m)einem Naturparkranger begrüsst. Ich habe einen frühen Zug von Scuol genommen. Gerade 10 Minuten Fahrt sind es, dann ertönt: “Ardez – Haltepunkt nach Bedarf”. Heilfroh bin ich jetzt, rechtzeitig gefragt zu haben, welcher Knopf den Zug zum Halten bewegt (s. Foto oben).

Wir steigen in den Nationalpark-Jeep und Reto erklärt, dass wir heute einen klassischen Kontroll- und Beobachtungsrundgang machen, wie sie nach einem festen Plan immer wieder durchgeführt werden. Die Wolken hängen tief und wir hoffen auf einen trockenen Tag.

Gleich hinter Zernez, aber noch vor dem eigentlichen Nationalpark machen wir einen Abstecher zu einem Staudamm. Auf dem Weg liegt in einer gegenüberliegenden Wand ein derzeit unbewohnter Adlerhorst. Nie im Leben hätte ich den ohne fachkundigen Blick entdeckt. Spektakulär wie er in der Wand hängt und wie kunstvoll er gebaut wurde.

Unsere erste Aufgabe besteht in einer Kontrollfahrt entlang der Parkplätze im Nationalpark. Wohnmobile oder wilde Camper würden jetzt mit einem Bußgeld bedacht. Wir stellen fest, dass das Wetter vermutlich viele Wanderer abhält und müssen keinen Sünder überführen.

Zurück an Parkplatz 1 starten wir unsere Route Richtung Alp Grimmel. Eine in den Boden eingelassene Matte zählt, wieviele Besucher den Park hier betreten. Ich hätte das für eine eingebuddelte Wegbefestigungsmatte gehalten.

Es ist hundekalt und für’s erste gibt es Spuren von allerlei Wild und entsprechenden Kot zu sehen. Vielen mag das unappetitlich erscheinen. Der Hinweis darauf, dass die Hinterlassenschaften eines Hirsches eher ein runder Flatsch und die eines Raubtiers eher ein spitzes Ende haben, dürfte den einen oder anderen aber schnell wieder interessiert aufhorchen lassen. Ich merke schnell, wie viele Details ein Parkwächter vermitteln kann.

Der Blick auf die umliegenden Berge ist schön, aber sehr verhangen. Schnee liegt relativ weit nach unten. Das bedeutet, dass sich das Wild eher in die tieferen Regionen verzieht. Wir werden uns gedulden müssen.

Hirsch vor der Linse
Mitten im Wald geht es ab vom offiziellen Weg. Ein paar Meter weiter erreichen wir unseren ersten Beobachtungspunkt. Reto packt das Fernglas mit Stativ aus, die umliegenden Bergrücken werden auf Wildbestand gescannt. Viel sehen wir nicht, bekommen aber den einen oder anderen Hirsch vor die Linse. Es ist sinnlos, diese Eindrücke zu beschreiben, weil sie die Natur einfach nicht wiedergeben können. Fest steht: man braucht Ruhe und Zeit zum Schauen. Ausdauer und Geduld scheinen Grunddisziplinen, die jedoch reich belohnt werden. Alles was wir an Tieren gesehen haben, wird nun protokolliert und festgehalten.

Ein paar Meter weiter gelangen wir auf öffentlichem Weg auf eine Alm, auf der sich Murmeltiere tummeln. Ganz nah kann ich ran und sie fotografieren. Wie lustig, sie zu beobachten und wie erstaunlich, wie wenig Angst sie haben.

Nun folgt der aufregendste Teil unserer Begehung und von einer Minute zur anderen begreife ich, wie außergewöhnlich mein Aufenthalt ist und welche besondere Ehre mir zuteil wird. Wir befinden uns nun abseits des Weges inmitten eines Waldstückes in dem man deutlich sieht, wie sehr die Natur hier seit fast 100 Jahren sich selbst überlassen wird.

Ameisenstraßen
Bäume stürzen um und wachsen langsam wieder in den Boden. Riesige Ameisenhaufen mit den dazugehörigen Straßen ziehen sich durchs Gelände.
Ein Fuchs huscht an uns vorbei. Irre. So nah!!!! Aber auch Vögel gibt es hier: Grünspechte hauen Ihre Löcher in die Bäume und Auerhähne haben hier eines der letzten Brutgebiete. Wir haben das Glück, einen fliegen zu sehen und Reto zeigt mir wiederum anhand des Kotes, dass sie sich hier aufhalten müssen und wo überall.

Wir halten an einer speziell für die Nationalparkranger gezimmerten kleinen Behausung und schauen von dort aus nochmals per Fernglas nach Wildbestand auf den umliegenden Berghängen. Wieder sehen wir Hirsche – diesmal in größeren Gruppen und noch eindrucksvoller. Das gleiche Prozedere wiederholen wir nochmals mit Blick auf die andere Talseite. Dort nehmen wir unsere kleine Mittagsvesper zu uns.

Ich bin begeistert von der Ruhe und der Ursprünglichkeit dieses Ortes. Hier kann ich nicht sagen: schaut es Euch an, denn das Abweichen von Wegen ist unter Strafe verboten.

Interessant in diesem Zusammenhang: für Forschungszwecke hat man kleine Teile der Wiesen abgeteilt und eingezäunt. Hier sieht man den extremen Kontrast zwischen abgegraster Wiese und nicht vom Wild gestörtem Pflanzenwuchs. Ein gewaltiger Unterschied. Während die Hirsche, Gemsen und allerlei anderes Getier die Wiese auf “englischen Rasen” zurückstutzen, wuchert es ungestört wie auf einer normalen Wiese im Engadiner Umland.

Dreizehenspecht in Aktion
Es folgt ein kleiner Weg zurück zum Auto. Wir passieren einen Baum, in dem ein Eichenhäher (hoffentlich hab ich das jetzt nicht verwechselt) Tannenzapfen in einen Baum gesteckt hat, um sie so nach und nach auszupicken und einen Baum, der rundum Streifen hat, weil der Dreizehenspecht an ihm herumgeklopft hat. Reto erkennt als ausgebildeter Ornithologe sofort, was los ist. Ich hätte den ersten Fall für einen Kinderstreich und letzteren für mutwillige Zerstörung gehalten. Tja.

Ein wunderbarer Alphornbläser lockt uns schnellen Schrittes zum Auto zurück. Klingt ja toll, nur innerhalb des Nationalparkes muss der Ranger hierfür unbedingt eine Verwarnung aussprechen. Damit endet unser Arbeitstag und ich bin müde, als ich ins Auto steige.

Im Hotel zurück schlafe ich vor Erschöpfung erst einmal ein. So ein Rangerjob schlaucht :)

Nach dem Abendessen eile ich nochmal nach Zernez, um einen Vortrag und Film über die Naturparkranger anzusehen. Spät wie immer geht´s ins Bett, aber der Einsatz hat sich gelohnt!

Rangerin Charis: Der zweite Tag – Nationalparkzentrum Zernez

Dienstag, 19.07.2011

Die Graubündener Bergluft ist ein hervorragendes Mittel für murmeltierähnlichen Schlaf. Das stelle ich vergnügt an mir fest und beginne den Tag mit einem fantastischen Panorama vom Frühstückstisch: viel blauer Himmel mit wenigen Wolken, herrliche Bergwelt um mich herum (s. Foto oben). Ich bin beglückt!

Im Hotel hat man ein kleines Paket für mich abgegeben. Graubünden stattet mich mit Cap und Shirt in Landesfarbe aus und der kleine Steinbock wird mich ab sofort auf meiner Reise begleiten. Die Tüte in der alles steckt begeistert mich am meisten: auf ihr ein Sprachführer für Ferienbündner – deutsch, englisch und rumantsch grischun. Ich bin unsicher, ob ich das Wort für Snowboard: l’aissa da naiv bist zum nächsten wetterbedingt möglichen Einsatz behalten werde.

Später lese ich, dass in Scuol in der nächsten Woche sogar entsprechender Unterricht angeboten wird. Bestimmt interessant!

Den Vormittag habe ich zu meiner freien Verfügung, und so schaue ich mich ein wenig in Scuol und Umgebung um. Die Landschaft sieht im Sonnenlicht noch schöner aus. Ich bedauere, nur eine sehr einfache Kamera zu haben, denn Motive für Bilder gibt es hier nahezu an jeder Ecke. Ich halte auf dem Weg nach Zernez immer wieder an und kann eigentlich doch nichts einfangen. Man muss es selber anschauen!

Für den frühen Nachmittag bin ich in Zernez mit Stefan Triebs verabredet, dem Mitarbeiter für Kommunikation. Ehrfürchtig betrete ich die Administration des Nationalparkzentrums, welche sich im Schloss Planta-Wildenberg befindet. Direkt in Sichtweite zum 2008 erbauten Nationalpark-Besucherzentrum bietet sich ein spannungsvoller Kontrast zwischen traditioneller und moderner Schweizer Architektur.

Von Menschen unberührt
Ich freue mich über die herzliche Begrüßung und den kleinen Rundgang durch dieses besondere Haus, der dem normalen Besucher nicht vergönnt sein kann. Ich erfahre zunächst allgemeines über den Park, der am 1. August 1914 gegründet wurde, der älteste Nationalpark der Alpen ist und die Kategorie 1A in den von der Internationalen Naturschutzunion vergebenen Kategorien trägt! Das bedeutet: die Natur ist sich selbst überlassen, Eingriffe durch den Menschen und sei es nur in Hinsicht auf das Räumen von umgestürzten Bäumen oder ähnlichem dürfen nicht sein. Der ganze Lebensraum mit jeglichen natürlichen Prozessen ist geschützt.

Interessant ist, dass keine der Nationalparkgemeinden sich auf dem Gebiet des Nationalparkes befinden. Die über den Ofenpass führende Straße existierte bereits vor der Gründung des Nationalparks und bietet für das dahinter liegende Tal “Val Müstair” den einzigen Zugang zum Schweizer “Festland”. Dies begründet die Ausnahme.

Die Nationalparkadministration ist in drei Bereiche gegliedert, deren freundliche Verantwortliche ich im Laufe der Unterhaltung vorgestellt bekomme. Kurz formuliert kann man folgende Ziele nennen: Schützen, forschen und informieren.

Vermutlich hätte ich noch Stunden zuhören können, wir wenden uns aber nun der Planung der nächsten Tage zu. Ich lerne Fadri Bott kennen, den Koordinator der insgesamt 8 Nationalparkwächter.

Das Wetter hat einen großen Strich durch die gesamte Planung gemacht. Die um 4.00 Uhr beginndende Wildbeobachtung kann so leider nicht durchgeführt werden. Die Frage ist, ob man den Wegfall des ganz frühen Tagesstartes als Katastrophe bezeichen muss :)

Der neue Plan sieht vor, dass ich Mittwoch gegen 6.40 Uhr von Scuol mit einem Ranger zu einer Beobachtung starte. Klingt doch gut!!! So kann ich beruhigt am Mittwochabend einem Vortrag der Nationalparkranger lauschen. Schade auch, dass ich nicht eine Woche später da bin, wenn es ein Freilichtkino-Spektakel im Innenhof von Schloss Planta-Wildenberg gibt.

Abschließend geht´s ins Besucherzentrum des Nationalparks, wo ich mit nützlichen Wissen über Flora und Fauna ausgestattet werde. Anhand eines Audioguides wird der Besucher durch allerlei spannende Themen geführt und ich überlege, welche der vorgestellten Tierarten mir nun wirklich begegnen könnten.

Stefan verabschiedet sich und wir verabreden die Planung der nächsten Tage je nach Wetterlage zeitnah abzustimmen. Ich schieße noch ein paar Bilder von außen und muss dringend zurück nach Scuol, weil ich dort mit Martina Hänzi verabredet bin.

Freundlich werde ich auch hier wieder erwartet. So vergeht die Zeit mit allerlei Tipps und Informativem zu Scuol und Graubünden, und dann steht schon wieder das Bündener Menü auf dem Tisch. Die Gastgeber vom Hotel Altana sind rundum bemüht und verwöhnen mit guter Bündener Küche. Mein Highlight heute ist die Spinat-Steinpilzlasagne, welche als zweite von 5 Gängen auf mich wartet.

Auch wenn die Wetterlage nicht wirklich vielversprechend ist, gibt es an jeder Ecke reichlich zu entdecken und erleben. Die vielen unterschiedlichen Fahnen würden nicht halb so spannend wirken, wie bei diesem kräftigen Wind :) Ich freue mich auf meinen ersten Einsatz morgen früh und bin gespannt, mit wem man mich in den Nationalpark schicken wird.

Bonus-Content: Charis hat auch noch das folgende Bild geschickt, mit der Anmerkung: “den fand ich einfach klasse, deswegen schick ich ihn auch”. Ich find ihn auch toll! (uwe)

Rangerin Charis: Der erste Tag – Über den Flüelapass nach Scuol

Montag, 18.07.2011

Das Abenteuer “Traumjob Graubünden” als Ranger im Schweizer Nationalpark startet! Ich freue mich und bin voll neugieriger Erwartung.

5.18 Uhr lese ich beim ersten Blick auf den Wecker. Oh nein! So früh geht´s nicht los, aber die Aufregung lässt mich nicht mehr schlafen. Ich überlege, ob das so klappt, an den Tagen, an denen ich um 4.00 Uhr im Nationalpark sein soll?

8.00 Uhr Start zum Flughafen Hamburg. Dort ist es knackevoll. Der Kauf eines Brötchens für den Flug erledigt sich von selbst, weil die Thermoskanne, die zur aufgelisteten Ausrüstung gehört, zeitaufwendig auf Sprengstoff untersucht wird. Eine Leihgabe meiner Tochter. Nun kann ich doppelt gut reisen – das Kind handelt nicht mit gefährlichen Substanzen..:) und um 9.45 Uhr geht es pünktlich ab in die Lüfte.

Eine Stunde und ein paar Luftturbulenzen später, lande ich wohlbehalten in Zürich. Ein erstes Stück Schweizer Schoki versüsst meinen Flug. Ich beschliesse Ananaswochen und gute Vorsätze hinter mir zu lassen und die Angebote des Landes zu geniessen.

Unkompliziert geht es weiter vom Flughafen zum Züricher Hauptbahnhof. Auch der freundliche Bahnmitarbeiter, der mir absichtlich mehrere Gepäcktrolleys beim Umpacken gegen den Kopf rollt, kann mich nicht ärgern. Ich steige in den Zug nach Chur.

Die Fahrt ist einfach klasse – vorbei an Zürich- und Waalsee sehe ich trotz mässig schönem Wetters viel wunderbare Landschaft und geniesse die Ausblicke. Diese Fahrt kann ich eigentlich jedem Schweiz-Besucher nur ans Herz legen. Ich kannte vorher nur die Strassenansichten, die vom Zug aus sind noch viel schöner!!!

Wir passieren das Sarganser Land und Maienfeld, wo es die Heidi-Alm gibt und sind eigentlich viel zu schnell da. In Chur gehts per Bus zur Mietwagenstation. Alles klappt bestens. Ich freue mich auf meine Fahrt über den Flüelapass.

Von Regen und Sonne durchwachsen geht es an Klosters und Davos vorbei bergauf Richtung Passhöhe. Ein Blick auf die Temperaturanzeige lässt mich erschaudern: Habe ich einen Ausflug nach Sibirien gewonnen? 6°C sind angezeigt und es fällt weiter auf 5°C … Ich bin erleichtert, dass sich Skiunterwäsche und Daunenweste in meinem Rucksack befinden.

Oben angekommen erscheinen ein paar winzige Mützen Blau am Himmel – bei uns ein Zeichen dafür, dass es noch aufreißen kann. Hier tut sich leider nichts dergleichen. Ich halte am Flüela-Hospiz, weil ich hier schon einmal übernachtet habe und trinke genüsslich einen Tee in der gastlichen Herberge. Ich bin jetzt einfach glücklich da zu sein!

Über ordentliche Serpentinen geht es hinunter – vorbei an wunderschönen Dörfern wie Guarda und Ardez. Ich geniesse jeden Blick, den ich zwischen den Wolken erhaschen kann. Angekommen in Scuol finde ich leicht mein Hotel, in welchem man mich schon erwartet. Martina Hänzi vom Tourismus Engadin Scuol Samnaun hat mir einen dicken Umschlag mit Unterlagen hinterlegt und ich teste als erstes meine Möglichkeiten online zu gehen, um ausreichend berichten zu können.

Lustig: hier hat man noch DLan, was ich in der Hotelbeschreibung für einen Schreibfehler hielt, aber die Wirtsleute sind rundum um mich bemüht und wir finden eine prima Lösung.

Ich nehme eine Kurzversion des reichhaltigen Bündner Abendessen ein und steige noch einmal in den Zug Richtung Klosters. Die Bahnfahrkarte will genutzt werden und ich will den Unterschied zwischen Bahn und Strassenansicht auf der Fahrt hierher erforschen. Trotz der schlechten Sicht lohnt sich dies: vom Auto aus lag Guarda z.B. hoch oben und war fein zu sehen, vom Zug bemerke ich es kaum. Dafür tun sich unter mir tosende Schluchten und Wasserfälle auf, von denen ich im Auto nicht unbedingt hätte wissen müssen. :)

Nach einer kleinen Erkundungstour durch den Ort, dem Pflücken eines kleinen Blumenstraußes direkt an den Wiesen am Bahnhof, falle ich müde ins Bett.

Fremd fühle ich mich noch, aber ich ahne, dass das hier eine spannende und schöne Woche wird!

Bergsennin Corina: Der letzte Tag – Laden-Hüter, Mountain Bike und Abschied

09. Juli – Letzter Tag

Der letzte Tag begrüßt mich mit strahlendem Sonnenschein. Die Woche verging wie im Flug. Hachz.

Schön ausgeschlafen geht es nun wirklich zum letzten Mal in die Käserei. Heute in den Ladenbereich. Ein wenig wehmütig schiele ich in die angrenzenden Räume zur Herstellung. Das hatte schon mächtig Spaß gemacht, hätte ich mir auch noch ein paar Tage mehr vorstellen können. Die herzliche Begrüßung durch Jehona sorgt aber dafür, dass ich mich ganz schnell in den Verkaufsräumen wohl fühle.

Abwiegen, einpacken …
Also lerne ich schon wieder eine Menge: Käse (gerade) schneiden, Käse verpacken, die Waage und Kasse bedienen. Scheinbar ist es ein ungeschriebenes Gesetz für Kunden, im Pulk aufzutreten. Als die erste Menge hereinströmt, schiebe ich ein wenig Panik – ich versteh die doch nicht … und vermutlich auch umgekehrt … Aber die Arbeitsteilung ist bald perfekt – Jehona bedient, ich wiege ab und packe ein. So vergehen auch diese Stunden viel zu schnell.

Nach einer gemeinsamen Mittagspause mache ich mich auf den Weg zur Bergbahnstation. Andreas vom Tourismusbüro hat mir für meinen letzten Nachmittag noch ein Rad beim NTC Sport besorgt. Ein wenig skeptisch besteige ich den Lift. In Tigignas beschließe ich doch noch, bis Somtgant hochzufahren und die komplette Tour nach unten zu machen. Als ich mich in 2.128 m Höhe aufs Rad schwinge, frage ich mich allerdings, was mich da weiter unten geritten hat. Huch, ist das steil. Ich trete die vermutlich langsamste Abfahrt des Veloverleihs an. Allerdings fasse ich langsam Mut und beginne mir und den Bremsen zu vertrauen, so dass ich ab Tigignas volle Fahrt hinab den Wind um die Nase genießen kann. Das nächste Mal werde ich mich wohl doch auf eines der Funrollgeräte trauen :)

Eingehüllt von Stille
Die Sonne lacht weiterhin und ich beschließe doch noch, der Baselgia Son Martegn, von der Angelika am ersten Tag so sehr geschwärmt hat, einen Besuch abzustatten. Wenn Savognin schon drei Kirchen hat, kann ich ja auch mal in einer drin gewesen sein.
Plötzlich umgibt mich Stille und mir wird bewusst, wie laut es mit Fahrtwind um den Ohren und den rauschenden Bach auf dem Weg zur Kirche war. Ich bestaune das beeindruckende Deckengemälde und lasse mich von der Stille einhüllen.

Irgendwie geht heute alles schneller als von mir eingeplant, so bleibt mir noch etwas Zeit bis zu meinem letzten Abendessen im Hotel und ich entschließe mich, den Hotelpool inklusive Sonnenwiese zu nutzen. Mit Handtuch und Buch bewaffnet, trete ich mein Sonnenbad an. Mit dem beeindruckenden Piz Mitgel im Hintergrund lasse ich es mir gut gehen und die letzten Tage noch einmal Revue passieren …

Unsere Bergsennin ist glücklich wieder zurück in Deutschland – wir freuen uns, dass es ihr zwischen Käse, Ziegen und Kirchen so gut gefallen hat. Im Übrigen hat sie uns noch weitere Fotos versprochen, wenn die eintreffen, erfahrt Ihr es zuerst. Versprochen! (uwe)

Bergsennin Corina: Der sechste Tag – Chrütli, Rotwild, Steinbockjagd

08. Juli – Sechster Tag

Ich wache auf und es regnet. Na, ob das heute mit der Wildbeobachtung was wird? Vorsichtshalber gehe ich aber erst einmal zum vereinbarten Treffpunkt mit Sep-Antona. Der Regen regnet und der Nebel hängt in den Bergen. Kurzerhand wird umdisponiert und wir schauen uns fürs erste einen Film über das „Steinwild in wilden Steinen“ an. Nun will ich natürlich auch ein Exemplar in Natura sehen. Die Tour wird in der Hoffnung, dass sich der Nebel verzieht, auf 12 Uhr verlegt.

Die Zeit bis dahin nutze ich um ein paar Souvenirs zu erstehen und doch noch die ein oder andere Ansichtskarte in die Heimat zu schicken. Der Regenwolken verziehen sich und dann geht’s tatsächlich los. Als kleine Gruppe von Beobachtungshungrigen steigen wir in den Bus und fahren ins Val d’Err. Unter der Leitung von Sep-Antona stiefeln wir los und erfahren nicht nur jede Menge über das Wild in den Bergen, sondern auch über die ein oder andere Pflanze am Wegesrand.

So komme ich doch noch zu einer kleinen Chrütliwanderung inklusive, die das Tourismusbüro in Savognin eigentlich noch mal gesondert anbietet und mich ja auch gereizt hätte – auf der anderen Seite muss ich mir ja auch noch was für meinen nächsten Besuch hier aufheben. :)

Verlassener Horst und erste Gämsen
Nicht lange nach unserem Start soll es schon das erste in den Bergen zu sehen geben. Ein verlassener Adlerhorst und dann tatsächlich auch schon die ersten Gämsen. Ich starre auf den Berg und sehe erst einmal nichts. Man sagt mir zwar, ich könne es mit bloßem Auge sehen, aber irgendwie… nix. Als Sep-Antona das Fernrohr eingestellt hat, habe ich sie endlich auch im Blickfeld. [Ich würde an dieser Stelle ja gern ein Foto einschieben... aber das würde genau so viel zeigen, wie ich ohne Fernrohr gesehen habe...]

Es geht weiter in Richtung Alp d’Err, wo wir hoffen, noch etwas Rotwild beobachten zu können. Unterwegs gibt es weitere Pflanzenkunde, jede Menge vorbeihuschender Murmeltiere zu sehen und schließlich auch die Kühe der Alp d’Err, die dort vor Ort für selbstgemachten Käse, Rahm und Butter sorgen. Mit einem Glas frischer Buttermilch in der Hand kann ich mir nun in aller Ruhe durch das Fernrohr eine Gruppe Gras futterndes Rotwild anschauen. Sehr beeindruckend.

Als der Wind immer kälter wird und es abzusehen ist, dass noch einmal Regen aufkommen wird, machen wir uns auf den Weg ins Tal zurück. Mutter Natur wartet noch einmal richtig auf und breitet vor uns ein Meer an Blüten aus. Da fällt es schwer, den Blick auf den kleinen Trampelpfad zu richten …

Wuah… und dann, kurz bevor wir wieder am Bus ankommen, können wir tatsächlich noch einen Blick auf einen kleinen Steinbock werfen. Ganz winzig zwar nur durch das Fernrohr, aber da springt er tatsächlich durch die Felsen. Somit kann es mit jeder Menge toller Eindrücke zurück nach Savognin gehen. Ich schlemme mich noch durch mein Abendmenü und registriere so langsam, dass mir schon mein letzter Tag hier bevorsteht …

Bergsennin Corina: Der fünfte Tag – Ziegen zagen im Regen

07. Juli – Fünfter Tag

Args… Das mit dem Wetter hätte ich nicht schreiben dürfen…

Als ich am Donnerstagmorgen das Hotel verlasse, steht Philippe vom Geissenhof Poltera schon da … der Regen begrüßt mich aber auch. Allerdings nicht sehr doll und so geht’s los zur Hofbesichtigung. Als erstes stehen die kleinen Ziegen auf dem Programm. Die sind gar nicht so klein wie gedacht und brauchen ein bisschen, bis sie von ihrer kleinen Anhöhe nach unten gespurtet kommen. Was sie dann aber auch geschlossen tun. Schwupps ist Philippe von einer Traube kleiner, frecher Gesellen umschlossen und ich schließlich auch.

Dann geht’s rauf zur Alp Surnegn der Familie, wo der Rest der Ziegen den Sommer verbringt. Nach Gehör finden wir sie schlussendlich auch, kommen aber nicht so recht an sie ran, weil es regnet und die Damen nicht nass werden wollen, weshalb sie sich lieber unter den Büschen am Berg verstecken. So genieße ich die Landschaft, lasse mir von Philippe noch ein wenig den Ablauf des Sommers für die Ziegen erklären (in ein paar Wochen wird’s Herrenbesuch geben und, nach Rassen getrennt, wird die warme Sommerluft für das ein oder andere Techtelmechtel sorgen…) und den Melkstand zeigen. Schon machen wir uns wieder auf den Weg zum Hof und damit ich auch noch ein paar große Ziegen ganz nah zu Gesicht bekomme, besuchen wir noch die Seniorenresidenz des Hofs, wo die alten Ladies (und ein paar ältere Herren), für die der Aufstieg auf die Alp zu anstrengend wäre, ihren Sommer genießen können.

Kalte Ziegenmilch
Noch eine Runde über den Hof zeigt mir die große Halle, in der das im Sommer gehauene Gras gelagert wird. Da muss aber jede Menge geheut werden, damit die voll wird. Da es immer noch regnet, steht kein Heuen auf meinem Programm und ich kann keinen Beitrag leisten, um die Halle voller zu bekommen. So überlegen wir bei einer gemütlichen Mittagspause im Hause Poltera, wie ich den Nachmittag gestalten könnte. Mama Poltera bietet mir an, mich auf die Alp Flix zu fahren, womit ich meinen vorgeschlagenen Programmpunkt vom ersten Tag noch nachholen kann. Bis es soweit ist, wird aber die Mittagsruhe genossen und ich erfahre ganz nebenbei noch die Entstehungsgeschichte des Geissenhofs und wie aus nur vier Ziegen eine recht erfolgreiche Zucht geworden ist, die in den nächsten Jahren noch weiter ausgebaut werden soll. Ich bin beeindruckt und fasziniert und nachdem ich dann den Mund irgendwann auch wieder schließen kann, fahren wir los zur Alp Flix. Vorher muss ich natürlich noch ein Glas Ziegenmilch probieren… Kalt, gar nicht mal unlecker!

Höchstes Hochmoor Europas
Auf der Alp Flix ausgesetzt, überlegt sich tatsächlich die Sonne noch einmal raus zu kommen und so mache ich mich nach ausführlichem Schauen und Staunen (Also, jeder, der mal hier in die Gegend kommt, muss da unbedingt hoch! Landschaftlich unglaublich schön! Aber was sollte man auch anderes erwarten vom höchsten Hochmoor Europas :) ) zu Fuß auf den Weg nach Savognin.

Der Weg führt mich noch mal an der Alp Surnegn vorbei und ich hoffe darauf, vielleicht noch einen Blick auf die Ziegen im Melkstand erhaschen zu können. Aber ich war wohl zu schnell und die Ziegen doch noch nicht im Melkstand angekommen. Von den Anhöhen her höre ich die Rufe der Hirten. Ich marschiere weiter. Während ich noch grübele, doch wieder zurück zu gehen, um auf die Ziegen zu warten, huscht plötzlich ganz flink ein Murmeltier hundert Meter vor mir über den Weg. Noch ärgere ich mich, dass ich es nicht richtig gesehen habe, dann entdecke ich es am Wegesrand und sehe, wie noch ein zweites dazukommt. Also versuche ich mich leise zu nähern, um sie auch richtig vor die Linse zu bekommen. Und tatsächlich schaffe ich es… Zum Abschied grinst eines mich noch mal frech aus dem Eingang seines Baues an und schon ist es wieder verschwunden.

Der Regen kommt wieder auf und ich beschließe, mal ganz fix wieder nach Savognin zu gelangen. Pünktlich vor meiner Nase fährt mir in Varvadal der Bus vor der Nase weg, und ein letztes Stück Weg durch den Regen steht mir bevor. Mehr geraten denn gewusst, erreiche ich pitschnass und abenteuerlich über die Wiesen Savognin. Was freue ich mich nun auf mein Bett. Vorher aber noch schnell unter die heiße Dusche gesprungen und das Abendessen im Hotel Piz Mitgel genossen … und das ist heute besonders lecker. Jeden Donnerstag wird dort ein superleckeres Dessert-Buffet aufgefahren. Ich weiß gar nicht, was ich zuerst schlemmen soll.

Pappsatt versinke ich in den Kissen und bin dann doch ein wenig froh, dass die Wildbeobachtungstour auf Grund des Wetters nicht schon 6 Uhr, sondern erst gegen 8 Uhr starten soll …

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