
Dritter Tag – Mittwoch 20. Juli 2011
Mit “Allegra!” werde ich am Bahnhof von Ardez herzlich von Reto, (m)einem Naturparkranger begrüsst. Ich habe einen frühen Zug von Scuol genommen. Gerade 10 Minuten Fahrt sind es, dann ertönt: “Ardez – Haltepunkt nach Bedarf”. Heilfroh bin ich jetzt, rechtzeitig gefragt zu haben, welcher Knopf den Zug zum Halten bewegt (s. Foto oben).
Wir steigen in den Nationalpark-Jeep und Reto erklärt, dass wir heute einen klassischen Kontroll- und Beobachtungsrundgang machen, wie sie nach einem festen Plan immer wieder durchgeführt werden. Die Wolken hängen tief und wir hoffen auf einen trockenen Tag.

Gleich hinter Zernez, aber noch vor dem eigentlichen Nationalpark machen wir einen Abstecher zu einem Staudamm. Auf dem Weg liegt in einer gegenüberliegenden Wand ein derzeit unbewohnter Adlerhorst. Nie im Leben hätte ich den ohne fachkundigen Blick entdeckt. Spektakulär wie er in der Wand hängt und wie kunstvoll er gebaut wurde.
Unsere erste Aufgabe besteht in einer Kontrollfahrt entlang der Parkplätze im Nationalpark. Wohnmobile oder wilde Camper würden jetzt mit einem Bußgeld bedacht. Wir stellen fest, dass das Wetter vermutlich viele Wanderer abhält und müssen keinen Sünder überführen.
Zurück an Parkplatz 1 starten wir unsere Route Richtung Alp Grimmel. Eine in den Boden eingelassene Matte zählt, wieviele Besucher den Park hier betreten. Ich hätte das für eine eingebuddelte Wegbefestigungsmatte gehalten.

Es ist hundekalt und für’s erste gibt es Spuren von allerlei Wild und entsprechenden Kot zu sehen. Vielen mag das unappetitlich erscheinen. Der Hinweis darauf, dass die Hinterlassenschaften eines Hirsches eher ein runder Flatsch und die eines Raubtiers eher ein spitzes Ende haben, dürfte den einen oder anderen aber schnell wieder interessiert aufhorchen lassen. Ich merke schnell, wie viele Details ein Parkwächter vermitteln kann.
Der Blick auf die umliegenden Berge ist schön, aber sehr verhangen. Schnee liegt relativ weit nach unten. Das bedeutet, dass sich das Wild eher in die tieferen Regionen verzieht. Wir werden uns gedulden müssen.
Hirsch vor der Linse
Mitten im Wald geht es ab vom offiziellen Weg. Ein paar Meter weiter erreichen wir unseren ersten Beobachtungspunkt. Reto packt das Fernglas mit Stativ aus, die umliegenden Bergrücken werden auf Wildbestand gescannt. Viel sehen wir nicht, bekommen aber den einen oder anderen Hirsch vor die Linse. Es ist sinnlos, diese Eindrücke zu beschreiben, weil sie die Natur einfach nicht wiedergeben können. Fest steht: man braucht Ruhe und Zeit zum Schauen. Ausdauer und Geduld scheinen Grunddisziplinen, die jedoch reich belohnt werden. Alles was wir an Tieren gesehen haben, wird nun protokolliert und festgehalten.

Ein paar Meter weiter gelangen wir auf öffentlichem Weg auf eine Alm, auf der sich Murmeltiere tummeln. Ganz nah kann ich ran und sie fotografieren. Wie lustig, sie zu beobachten und wie erstaunlich, wie wenig Angst sie haben.

Nun folgt der aufregendste Teil unserer Begehung und von einer Minute zur anderen begreife ich, wie außergewöhnlich mein Aufenthalt ist und welche besondere Ehre mir zuteil wird. Wir befinden uns nun abseits des Weges inmitten eines Waldstückes in dem man deutlich sieht, wie sehr die Natur hier seit fast 100 Jahren sich selbst überlassen wird.
Ameisenstraßen
Bäume stürzen um und wachsen langsam wieder in den Boden. Riesige Ameisenhaufen mit den dazugehörigen Straßen ziehen sich durchs Gelände.
Ein Fuchs huscht an uns vorbei. Irre. So nah!!!! Aber auch Vögel gibt es hier: Grünspechte hauen Ihre Löcher in die Bäume und Auerhähne haben hier eines der letzten Brutgebiete. Wir haben das Glück, einen fliegen zu sehen und Reto zeigt mir wiederum anhand des Kotes, dass sie sich hier aufhalten müssen und wo überall.

Wir halten an einer speziell für die Nationalparkranger gezimmerten kleinen Behausung und schauen von dort aus nochmals per Fernglas nach Wildbestand auf den umliegenden Berghängen. Wieder sehen wir Hirsche – diesmal in größeren Gruppen und noch eindrucksvoller. Das gleiche Prozedere wiederholen wir nochmals mit Blick auf die andere Talseite. Dort nehmen wir unsere kleine Mittagsvesper zu uns.

Ich bin begeistert von der Ruhe und der Ursprünglichkeit dieses Ortes. Hier kann ich nicht sagen: schaut es Euch an, denn das Abweichen von Wegen ist unter Strafe verboten.
Interessant in diesem Zusammenhang: für Forschungszwecke hat man kleine Teile der Wiesen abgeteilt und eingezäunt. Hier sieht man den extremen Kontrast zwischen abgegraster Wiese und nicht vom Wild gestörtem Pflanzenwuchs. Ein gewaltiger Unterschied. Während die Hirsche, Gemsen und allerlei anderes Getier die Wiese auf “englischen Rasen” zurückstutzen, wuchert es ungestört wie auf einer normalen Wiese im Engadiner Umland.
Dreizehenspecht in Aktion
Es folgt ein kleiner Weg zurück zum Auto. Wir passieren einen Baum, in dem ein Eichenhäher (hoffentlich hab ich das jetzt nicht verwechselt) Tannenzapfen in einen Baum gesteckt hat, um sie so nach und nach auszupicken und einen Baum, der rundum Streifen hat, weil der Dreizehenspecht an ihm herumgeklopft hat. Reto erkennt als ausgebildeter Ornithologe sofort, was los ist. Ich hätte den ersten Fall für einen Kinderstreich und letzteren für mutwillige Zerstörung gehalten. Tja.

Ein wunderbarer Alphornbläser lockt uns schnellen Schrittes zum Auto zurück. Klingt ja toll, nur innerhalb des Nationalparkes muss der Ranger hierfür unbedingt eine Verwarnung aussprechen. Damit endet unser Arbeitstag und ich bin müde, als ich ins Auto steige.
Im Hotel zurück schlafe ich vor Erschöpfung erst einmal ein. So ein Rangerjob schlaucht
Nach dem Abendessen eile ich nochmal nach Zernez, um einen Vortrag und Film über die Naturparkranger anzusehen. Spät wie immer geht´s ins Bett, aber der Einsatz hat sich gelohnt!